ekM – Januar 5, 2026

ES KOMMEN MENSCHEN

 

Vor genau 61 Jahren, im Jahr 1965, schrieb der Schweizer Schriftsteller Max Frisch im Vorwort eines Buches Siamo Italiani folgende Worte:
„Ein kleines Herrenvolk sieht sich in Gefahr: man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“

Ob Frisch wohl geahnt hat, dass dieser Satz, den er 1965 mit Ironie und Kritik formulierte, unter Migrantinnen und Migranten so populär werden würde, weiß ich nicht. Doch dieser Ausdruck sollte in den darauffolgenden Jahrzehnten zu einer Stimme für die Gefühle von Millionen Menschen werden. Ob sein Ursprung bekannt ist oder nicht – solche und ähnliche Formulierungen verbreiteten sich unter Migrantinnen und Migranten so sehr, dass sie sogar einem der bekanntesten Lieder auf dem 1984 in Deutschland aufgenommenen Album die Kanaken von Cem Karaca ihren Namen gaben: „Es Kamen Menschen An“.

Manchmal möchte man einen Gedanken, ein Gefühl oder etwas, das einem durch den Kopf geht, ausdrücken – doch dieser Gedanke ist so vielschichtig und komplex, dass man glaubt, ihn kaum vermitteln zu können. Und dann hört man plötzlich einen Satz und denkt: „Ja, genau das ist es.“ Genau diese Funktion erfüllte über Jahre hinweg für Millionen Menschen der Satz „Man hat Arbeiter gerufen, und es kamen Menschen“ – und er tut es bis heute.

Auch wenn Frisch diesen Satz ursprünglich für die italienischen Arbeiter in der Schweiz formulierte, wurde er in Deutschland, in Österreich und vermutlich auch in anderen europäischen Ländern, die damals Arbeitsmigration erlebten, häufig zum Gegenstand von Diskussionen und Forschungen. Was machte diesen Satz so wirkungsvoll? Seine sprachliche Kraft – oder die Realität, die ihm zugrunde liegt?

Zweifellos ist der Satz sprachlich stark. Doch ich möchte mich hier vor allem auf die kalte Realität dahinter konzentrieren. Ich betrachte das Ganze am Beispiel Deutschlands, gehe jedoch davon aus, dass sich Ähnliches auch in anderen europäischen Ländern abgespielt hat. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre schloss Deutschland aufgrund des Arbeitskräftemangels mit verschiedenen Ländern Anwerbeabkommen.

„Sie regelten den anfangs als befristet geplanten Arbeitsaufenthalt ausländischer Arbeitnehmer als sogenannte ‚Gastarbeiter‘.“

 

von Istanbul nach München

Von all diesen Abkommen war es zweifellos das 1961 mit der Türkei geschlossene, das das Schicksal Deutschlands nachhaltig und unumkehrbar beeinflussen und die Soziologie sowie die gesellschaftlichen Debatten der kommenden Jahrzehnte – vielleicht sogar Jahrhunderte – grundlegend verändern sollte. Das Ergebnis dieses immer wieder betonten „Gastarbeiter“-Konzepts war, dass heute – rund 60 Jahre später – mehr als drei Millionen Menschen türkischer Herkunft in Deutschland leben.

Schon aus dieser Perspektive wird deutlich, was für ein großes Fiasko dieser sogenannte „Gastarbeiter“-Ansatz war. Offensichtlich waren die Gekommenen keine Gäste. Sie konnten es auch gar nicht sein. Es liegt in der Natur des Menschen, dass niemand einfach nur Gast bleibt. Denn es gab eine Realität, die nicht einkalkuliert wurde – eine Realität, die stark genug war, um alle anderen Annahmen zu überlagern: Es kamen Menschen.

Wenn man einen Roboter in sein Land holt, ihn für eine bestimmte Zeit arbeiten lässt und anschließend an den Hersteller zurückschickt, mag das plausibel erscheinen. Ein Roboter arbeitet einfach; er findet keine Freunde, baut keine emotionale Bindung zu seinem Lebensort auf, verliebt sich nicht und bekommt keine Kinder. Aber ein Mensch? Ein Mensch kann all dem nicht entkommen. Er schlägt Wurzeln an dem Ort, an dem er lebt.

Oft ist sich die Person dessen nicht einmal bewusst; und selbst wenn, möchte sie es nicht akzeptieren oder verdrängt es. Selbst wenn sie sich im Laufe der Zeit dieser Realität stellt, versucht sie, ihr so lange wie möglich auszuweichen.

Vermutlich liegt es genau daran, dass die Arbeiter, die in den 1960er- und 1970er-Jahren hierherkamen, sich an der Bezeichnung als „Gäste“ durch den deutschen Staat kaum störten; schließlich sahen sie sich selbst nur als vorübergehend hier. Sie waren gekommen, um eine Zeit lang zu arbeiten, Geld zu sparen und irgendwann in ihre Heimat zurückzukehren.

Doch wie so oft ging die Rechnung nicht auf – auch dieses Mal nicht.

Die Geschichte entwickelte sich weder so, wie es die deutsche Regierung, noch wie es die Arbeiter selbst geplant hatten. Geld für Hochzeiten und Häuser wurde zwar gespart – doch die Hochzeiten fanden hier statt, die Häuser wurden hier gekauft, und die Kinder wurden hier geboren.

»Das war eine Lebenslüge von beiden Seiten«
– Spiegel, 30.10.2021

Kazım Abacı, der in Hamburg als Kind von einem Gastarbeiter zur zweiten Generation gehört, sagte in einem Interview mit Der Spiegel: „Das war eine Lüge, die sich beide Seiten jahrelang selbst erzählt haben.“ Abacı schildert die Situation in diesem Interview so eindrucksvoll, dass die oben geschriebenen Zeilen wie eine Zusammenfassung aus dem wirklichen Leben erscheinen:

„Auch meine Eltern kamen damals mit der Idee: Wir arbeiten ein paar Jahre und gehen wieder zurück. Und auch der deutsche Staat ist davon ausgegangen, wir holen die Menschen, sie sollten das Land ein bisschen aufbauen und dann wieder gehen. Das war eine Lebenslüge von beiden Seiten. Was ist daraus geworden: Jetzt haben wir die dritte, vierte Generation hier.“

Also… Wie hätte das Leben deutlicher machen können, dass die Ankommenden vor allem eines sind: Menschen – und erst danach Arbeiter?

Genau hier sehe ich die Kraft des Ausdrucks „es kommen Menschen“. Was ich oben geschrieben habe, umfasst nur ein oder zwei Seiten… Andere haben Seiten um Seiten an Büchern und wissenschaftlichen Arbeiten verfasst, Alben voller Lieder komponiert oder Filme gedreht, um dasselbe auszudrücken. Und doch scheint dieser eine Satz all das auf beinahe magische Weise in zwei Sekunden zusammenzufassen: „es kommen Menschen“.

Ja, Dutzende Bücher, Filme, Lieder, Texte, Studien, Debatten… Im Kern erzählen sie alle eine ganz einfache Wahrheit: Diejenigen, die kommen, sind vor allem Menschen. Und genau diese Wahrheit liegt vielen der Themen zugrunde, über die wir jahrelang diskutieren und nachdenken. Dass dieser Blog „es kommen Menschen“ heißt, hat genau diesen einen Grund.

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